
Anmeldefrist verpasst
Am 9. Dezember 1994 gab es die Fakultät WIAI noch nicht. Wirtschaftsinformatik konnte man in Bamberg allerdings schon damals studieren. An diesem 9. Dezember stand ein Wirtschaftsinformatik-Student am Schwarzen Brett der Uni Bamberg und erfuhr, dass er die Anmeldefrist für seine Prüfungen verpasst hatte. Nicht per Brief, nicht per Anruf – per Aushang. Die Universität hatte in diesem Semester erstmals ein neues Verfahren eingeführt: Online-Anmeldung zu Prüfungen, entwickelt am Lehrstuhl von Elmar Sinz. Das System hieß FlexNow! – damals noch mit Ausrufezeichen. Der Student stellte beim Prüfungsausschuss einen Antrag auf nachträgliche Zulassung. Vorsitz des Ausschusses: Sinz selbst.
Studienbegleitende Prüfungen, wie sie heute in jedem modularen Studiengang selbstverständlich sind, waren Mitte der 1990er ein Experiment. Das bayerische Wissenschaftsministerium genehmigte sie an der Uni Bamberg zunächst nur als Modellversuch. Software dafür gab es nicht zu kaufen, also wurde sie am Lehrstuhl gebaut. In den folgenden Jahren wuchs aus den statischen HTML-Seiten ein vollständiges Prüfungsverwaltungssystem: Anmeldung, Raumplanung, Notenerfassung, Zeugniserstellung. 2003 gründete die WIAI dafür ein eigenes Institut, das ihb. In einem Artikel im Uni-Magazin univers schrieben Sinz und ihb-Geschäftsführer Benedikt Wismans 2006:
“Seit der Abkehr von den blockorientierten Prüfungssystemen haben sich die Fallzahlen in der Prüfungsadministration verzehnfacht, in den letzten Semestern, getrieben durch die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen, sogar mit zunehmender Dynamik.”
Zu diesem Zeitpunkt lief FlexNow bereits an 21 Hochschulen.
Als Gründungsdekan Sinz im März 2017 in den Ruhestand ging, wurde das universitäre Institut aufgelöst. Die Frage, was mit dem System passiert, beantworteten die Hochschulen selbst: Sie gründeten eine Genossenschaft – die ihb eG –, um FlexNow gemeinsam weiterzubetreiben. Sitz: Bamberg, Kronacher Straße 41. Bis 2015 lief die Software noch auf Gupta Team Developer, einer Entwicklungsumgebung, die außerhalb der FlexNow-Community kaum jemand kennt. Dann wurden rund 500.000 Zeilen Code nach C# portiert. Heute verwaltet das System laut ihb eG jährlich 150.000 aktive Studierende, 100.000 Prüfungen, 36.000 Zeugnisdokumente und 32.000 Lehrende. Dazu kommt die technische Infrastruktur der Virtuellen Hochschule Bayern mit weiteren 100.000 Studierenden.
Wer an einer FlexNow-Hochschule studiert hat – Bamberg, Regensburg, Gießen, Göttingen, Bremen, Münster, Flensburg und weitere –, erinnert sich an die Oberfläche. Vermutlich nicht mit Zärtlichkeit. Auf einer Bamberger Info-Seite für Erstsemester heißt es: “Von vielen Studierenden in Bamberg gefürchtet ist das Prüfungsverwaltungssystem FlexNow.” Hinter den Anmeldemasken steckt allerdings eine 30-jährige Entwicklungsgeschichte, die an einem einzigen Lehrstuhl begann, ein Institut hervorgebracht hat und dann eine Genossenschaft. Der Student von 1994 – Patrik Budenz – arbeitete 21 Jahre lang an FlexNow und wechselte 2017 zur ihb eG. Seine erste Aufgabe als studentische Hilfskraft war es, den Anmeldevorgang neu zu konzipieren und zu implementieren. Dabei stellte er fest: Die Anmeldefristen wurden 1994 technisch gar nicht geprüft. Er hätte sich problemlos noch anmelden können. Zum Ruhestand von Sinz schrieb er seine Geschichte auf, inklusive der eingescannten Originaldokumente. Die Anmeldefristen prüft das System heute übrigens – und auch die Oberflächen werden kontinuierlich weiterentwickelt.





