
Code, Chemie und Zelluloid: Die Eigenbau-Dunkelkammer im Endspurt
Die Alchemie der Dunkelkammer – Vom Rohpulver zum perfekten Porträt
Wer an analoge Fotografie denkt, hat meist das Klicken einer alten Mechanik oder das rote Licht der Dunkelkammer im Kopf. Doch die wahre Magie passiert auf molekularer Ebene. Für die Live-Filmentwicklung auf den Projekttagen am 26. Juni überlasse ich nichts dem Zufall – und schon gar nicht der Industrie.
Das Labor-Setup im Bild oben zeigt es: Anstatt auf fertige Standard-Chemikalien aus dem Fotogeschäft zurückzugreifen, wird der Entwickler für unsere Aktion von Grund auf selbst formuliert und angemischt!
Fotografie als präzise Wissenschaft
Handelsübliche Entwickler-Kits liefern zwar solide Ergebnisse, zwingen einen aber in ein starres Korsett. Wenn man die Rohstoffe jedoch selbst mit der Feinwaage abwiegt, übernimmt man die absolute Kontrolle über das finale Bild. Der Entwickler, der auf der Messe zum Einsatz kommt, ist eine spezielle, umweltfreundliche „myTOL“-Rezeptur, die unter anderem auf reiner Ascorbinsäure (Vitamin C) und Phenidon basiert.
Jedes Milligramm zählt: In der aktuellen Testphase für die Messe lässt sich beispielsweise durch die präzise Anpassung von Kaliumbromid auf exakt 1 g im Ansatz der Kontrast des Films punktgenau steuern und ein störender Grundschleier unterdrücken. Mit Pipette, pH-Meter und Densitometer wird die Chemie so millimetergenau auf den Fomapan-Schwarzweißfilm und die 27 °C-Temperaturkurve der Rotationsmaschine abgestimmt. Das Ergebnis? Eine unübertroffene Schärfe, extrem feines Korn und seidige Grautöne, die mit Standard-Chemie schlicht nicht machbar wären.
Der Endspurt im Maschinenraum – Feintuning an Code und Hardware
Wenige Tage vor den Projekttagen am 26. Juni geht es buchstäblich ans Eingemachte. Bevor das Gehäuse der Rotationsmaschine endgültig verschraubt wird, stehen die letzten Stresstests und Optimierungen unter der Haube an.

Handgelötete Hardware-Architektur: Was auf den ersten Blick wie ein buntes Kabel-Chaos aussieht, ist eine präzise geplante, maßgeschneiderte Schaltung. Anstatt fertige Entwickler-Boards zu verbauen, läuft die gesamte Steuerung auf einem nackten ATmega-Mikrocontroller (dem schwarzen Chip in der Mitte der Lochrasterplatine). In diesen letzten Tagen vor der Messe werden die Kabelwege gesichert, die Signalpegel des I²C-Busses für das Display stabilisiert und die Kommunikation mit dem BTS7960B-Motortreiber (links oben im Bild) für die Wechselrotation perfektioniert. Jede Lötstelle muss sitzen, damit die Maschine auch im Dauerbetrieb auf der Ausstellung absolut zuverlässig läuft.
Bug-Hunting in der C++-Firmware: Auch die beste Hardware ist blind ohne die richtige Software. Parallel zu den Lötarbeiten bekommt die knapp 1.000 Zeilen starke, selbst geschriebene C++-Firmware ihren letzten Schliff. Ein System, das zeitgleich hochauflösende Temperaturfühler ausliest, Menüs rendert und 230-Volt-Relais schaltet, verzeiht keine Fehler. In den letzten Code-Iterationen wurden noch gezielt Edge-Cases eliminiert – von der dynamischen Speicherplatzverwaltung (EEPROM) für die Prozess-Sequenzen bis hin zu extrem wichtigen Sicherheits-Routinen, die das Heizelement beim manuellen Abbruch eines Prozesses sofort hart abschalten. Der PID-Algorithmus ist nun final kalibriert, um die Chemie punktgenau und ohne Überschwingen auf Temperatur zu halten.
Analoge Verstärkung auf den Projekttagen – Unser mobiles Foto-Team

Vom Crashkurs zur analogen Praxis
Zusammen mit Tim Kipphan habe ich die beiden am 19.06.2026 mit dem passenden analogen Foto-Equipment ausgestattet. Doch da analoger Film seine ganz eigenen physikalischen Gesetze und charmanten Eigenheiten hat, die man bei modernen Digitalkameras vergeblich sucht, stand heute eine intensive Einweisung auf dem Programm. Wir haben uns getroffen, um Jonathan und Moritz tief in die analoge Technik einzuarbeiten. Vom manuellen Fokussieren und der Einschätzung des Lichts bis hin zu den spezifischen Eigenschaften des Filmmaterials – die beiden sind jetzt bestens auf ihren Einsatz vorbereitet.
Das mobile Studio auf dem Campus
Während ich am Hauptstand meine selbst gebaute Rotationsmaschine bediene und die Live-Entwicklung der Filme steuere, werden Jonathan und Moritz als mobiles Foto-Team die Projekttage unsicher machen. Sie werden mich tatkräftig unterstützen, über das Gelände streifen und die einzigartige Atmosphäre der Messe auf Film bannen.
Sprecht sie an – oder kommt zum Mittelformat-Shooting an den Stand!
Und hier kommt ihr ins Spiel: Wenn ihr Jonathan und Moritz am 26. Juni mit ihren Kameras über den Campus der Universität Bamberg laufen seht, zögert nicht! Sprecht sie unbedingt an, wenn ihr Lust auf ein spontanes, zeitloses Porträt habt.
Alternativ könnt ihr natürlich auch direkt zu mir an den Hauptstand kommen. Dort wartet ein ganz besonderes Highlight auf euch: Ich biete euch die Möglichkeit, euch von mir hochauflösend auf klassischem Mittelformat-Film porträtieren zu lassen. Dieses riesige Negativformat liefert eine unübertroffene Detailtiefe und den echten, organischen Film-Look, an den kein digitaler Sensor herankommt. Euer belichtetes Porträt wird dann direkt vor Ort in der Maschine live entwickelt.
Maßarbeit aus dem 3D-Drucker (und eine sehr strenge Qualitätskontrolle)
Die Elektronik läuft bereits fehlerfrei, doch eine vollautomatische Filmentwicklung muss auch die Hardware mechanisch absolute Perfektion liefern. Auf dem Weg zum fertigen Rotationsprozessor für die Messe stand in den letzten Tagen daher noch die Fertigung einiger spezieller Antriebskomponenten an.
Millimeterarbeit für den perfekten Rundlauf: Damit die Filmdose später im warmen Wasserbad absolut waagerecht liegt und auf den angetriebenen Rollen rotiert, duldet die Mechanik keine Toleranzen. Da es solche hochspezifischen Verbindungsstücke und Adapterringe logischerweise in keinem Baumarkt zu kaufen gibt, hieß es wieder: CAD-Software anwerfen und den hauseigenen Voron 2.4 3D-Drucker aufheizen. Das Ergebnis seht ihr im Vordergrund des Fotos: Ein frisch gedrucktes Bauteil, das später für die exakte mechanische Kraftübertragung in der Maschine sorgt.

Die härteste Inspektion der Welt: Bevor ein solches Bauteil jedoch endgültig freigegeben und in der Maschine verbaut wird, muss es natürlich durch die strenge Qualitätskontrolle des Hauses. Wie ihr im Hintergrund unschwer erkennen könnt, nimmt mein Chef-Assistent Dr. Schnur die Schichthaftung und Maßhaltigkeit des Zylinders höchstpersönlich ab. Auch wenn die Inspektion aktuell eher in Form eines ausgedehnten Nickerchens auf dem Notizblock stattfindet – ohne die finale Freigabe des flauschigen Supervisors geht hier kein Teil in die Endmontage!
Letztes Update: Analoges Foto, digitaler Workflow – Wie euer Porträt zu euch kommt!
Bevor es am 26. Juni auf den Projekttagen der Uni Bamberg endlich losgeht, gibt es noch ein letztes logistisches Puzzleteil zu lüften: Wenn euer Bild auf dem Filmstreifen gebannt und live in der Maschine entwickelt wurde – wie kommt der fertige, analoge Abzug am Ende zielsicher zu euch nach Hause?
Die Antwort ist eine kleine, smarte Brücke zwischen der analogen Dunkelkammer und der digitalen Welt.
Eure Eintrittskarte zum Unikat
Wer sich am Stand auf Mittelformatfilm oder von unserem mobilen Foto-Team auf 35-mm-Film porträtieren lässt, bekommt direkt nach dem Auslösen der Kamera eine spezielle Visitenkarte von uns überreicht. Darauf befindet sich ein individueller QR-Code.
So funktioniert der Workflow
- Scannen & Eintragen: Scannt den QR-Code einfach mit eurem Smartphone. Er leitet euch auf eine von mir eigens für dieses Projekt entwickelte Website weiter. Dort könnt ihr ganz bequem und datenschutzkonform euren Namen und eure Adresse hinterlassen.
- Die smarte Zuordnung: Der Clou an der Sache ist die Datenbank dahinter. Jeder ausgegebene QR-Code ist ein absolutes Unikat und exakt mit genau eurer spezifischen Aufnahme auf der Filmrolle verknüpft! So kann ich später beim Auswerten der entwickelten Negative zu 100 % identifizieren, welches Gesicht zu welcher eingetragenen Adresse gehört.
- Ab in die Post: Sobald die Messe vorbei ist, geht es für mich ans Vergrößern. Eure Bilder werden klassisch auf Fotopapier abgezogen und anschließend über die Universität Bamberg direkt an eure hinterlegte Adresse verschickt.
Das Setup steht, die Maschine ist auf Zehntelgrade kalibriert und unser mobiles Foto-Team ist hochmotiviert. Die Entwicklung dieses Projekts war eine fantastische Reise voller interdisziplinärer Herausforderungen – von hartnäckigen C++-Bugs über komplexe 3D-Drucke bis hin zu nächtlichen Löt-Sessions und feinfühligen Chemie-Rezepturen. Doch all der Aufwand hat sich gelohnt, um die Faszination der analogen Fotografie aus der dunklen Labor-Isolation zu befreien und direkt zu euch zu bringen. Kommt am 26. Juni vorbei, taucht ein in die Welt der Silberhalogenide, lasst euch ablichten und werdet Teil dieses einmaligen Experiments. Ich freue mich riesig darauf, mit euch über Technik, Hardware und Fotografie zu fachsimpeln und euer ganz persönliches Unikat zu erschaffen. Wir sehen uns auf der Messe!
Fotos: Andreas Amann