Luftbild des Erba-Campus der Universität Bamberg an der Regnitz
#23 · 22. Juni 2026

Die nicht-technische Seite

Der Erba-Campus, wo die WIAI am 26. Juni 2026 ihr 25-jähriges Bestehen feiert. Foto: Jürgen Schabel / Universität Bamberg

Am 1. Oktober 2001 war die Fakultät zwei besetzte Lehrstühle groß. Den einen hatte Elmar J. Sinz inne, Systementwicklung und Datenbankanwendung, den anderen Otto K. Ferstl, Industrielle Anwendungssysteme. Dazu drei Studiengänge und 125 eingeschriebene Studierende. Hervorgegangen war die WIAI aus der Fakultät Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, wo die Professoren Augsburger, Sinz, Ferstl und Henrich seit 1987 einen Diplomstudiengang Wirtschaftsinformatik aufgebaut hatten; Bamberg galt da längst als „Heimat der Wirtschaftsinformatik“. Ihren Start nannten die Gründer „Stunde 0“. Was sie erbten, war keine leere Fläche, sondern eine Haltung: Informatik hier nicht als reine Technik zu betreiben, sondern an die Fächer ringsum anzuschließen.

Sinz, der Gründungsdekan, hat das später nüchtern begründet. Einen Fokus auf die nicht-technische Seite der Informatik zu legen, passte zur geistes- und kulturwissenschaftlichen Ausrichtung der Universität und sollte zugleich ein Alleinstellungsmerkmal des Standorts sein. Querschnittlich hieß konkret: Zusammenarbeit mit den Wirtschaftswissenschaften, der Soziologie, der Psychologie, der Kommunikationswissenschaft, der Denkmalpflege. Aus dieser frühen Rolle in den Digital Humanities, der Informatik für geistes- und kulturwissenschaftliche Fragen, wuchs 2010 der Master Computing in the Humanities, im deutschsprachigen Raum bis heute ohne Gegenstück.

Wer früh dabei war, hat den Gedanken am eigenen Studium erlebt. Jörg Gottschlich schrieb sich 2002 ein, einer der ersten. Geblieben ist ihm weniger ein Hörsaal als eine Treppe: „Ich sehe uns noch heute auf der großen Treppe im Gebäude Feldkirchenstraße 21 stehen und lachen, weil der eine den Dialekt des anderen nicht verstanden hat.“ Tobi aus Tirschenreuth, Nils aus Lübeck, am Orientierungstag kennengelernt und bis heute befreundet. Fachlich war ihm das betriebswirtschaftliche Grundstudium, das Modellieren bei Sinz, zunächst fremd; heute, als selbstständiger Unternehmer, sieht er den Gewinn. Froh war er trotzdem, als es nach dem Vordiplom technischer wurde und er bei Guido Wirtz programmieren lernte. Beides gehörte zusammen. „Und ich muss auch sagen, dass es mir persönlich schon wichtig war, dass wir eine eigene Fakultät waren. Damit habe ich mich sehr identifiziert.“

Wirtz selbst kam 2002 aus Münster, an einen Standort mit gerade vier besetzten Professuren. „Ein nicht zu unterschätzendes Risiko, aber auch eine große Chance“, nennt er den Wechsel im Rückblick. Gelockt hat ihn die Arbeitsweise: dass die enge Zusammenarbeit der Fächer hier gewollt war und Wert auf Kreativität und Engagement beim gemeinsamen Aufbau gelegt wurde. Zweimal wurde er Dekan, fast ein Jahrzehnt war er Vizepräsident für Technologie und Innovation. Den späteren KI-Ausbau nannte er deshalb einen „glücklichen, aber auch logischen Schritt“ einer Fakultät, die international weiter an Profil gewinnt.

Für den KI-Standort Bamberg hatte sich jemand über Jahre starkgemacht. Ute Schmid, seit 2004 in Bamberg, forscht seit den frühen Neunzigern an Künstlicher Intelligenz und kognitiven Systemen, lange bevor KI öffentlich zum Thema wurde. Als das bayerische Wissenschaftsministerium 2018 im Rahmen der Hightech Agenda Bayern 50 neue KI-Professuren ausschrieb, saß sie in dem Team, das Bamberg ins Rennen schickte, und nutzte jede Gelegenheit, in Vorträgen und Interviews daran zu erinnern, dass hier seit Jahren KI gelehrt und erforscht werde. „Die Zeit ab 2018 fand ich sehr anstrengend“, sagt sie.

Die Entscheidung fiel im Mai 2020, mitten im ersten Corona-Jahr, an einem Freitagnachmittag. Schmid hatte mündliche Prüfungen und vergessen, ihr Telefon umzuleiten; mitten im Prüfungsgespräch klingelte es, eine Münchner Nummer. Sie entschuldigte sich bei dem Studenten und nahm ab. Am Apparat das Ministerium: Bamberg habe mit sieben Professuren mit Abstand die meisten gewonnen, ein Siebtel aller 50 Stellen. Es entstanden Lehrstühle unter anderem für KI und Sprache, für Computer Vision und Machine Learning, für KI-Engineering und Robotik. Binnen fünf Jahren wuchs die Fakultät von 16 auf 33 Professuren.

Porträt von Ute Schmid
Ute Schmid forscht seit Anfang der Neunziger an KI und hat den Standort Bamberg über Jahre sichtbar gemacht. Foto: Fraunhofer IIS / P. Pulkert

Wohin der alte Gedanke führt, zeigt der Lehrstuhl, den Christoph Benzmüller 2021 von der FU Berlin übernahm. Aufgefallen war ihm die Struktur des Zentrums für Innovative Anwendungen der Informatik und die Aussicht, mit seiner computationalen Philosophie, dem logikbasierten Modellieren und Argumentieren am Computer, eine Schnittstelle zur Philosophie aufzubauen, dort, wo er eine Lücke in der interdisziplinären Zusammenarbeit sah. Mit Christian Illies und Silvia Jonas aus der Philosophie fragt er nun, ob und wie sich Regelwerke und Wertesysteme in Computersystemen abbilden lassen, um KI-Agenten zu steuern und zu kontrollieren. Ein verantwortungsvoller, menschenzentrierter Einsatz von KI lasse sich nur aus einer holistischen Perspektive beantworten, sagt er, und dafür sei Bamberg strukturell gut aufgestellt. Knapp ein Vierteljahrhundert nach der „Stunde 0“ ist die nicht-technische Seite der Informatik zur Forschungsfrage geworden.

Roboter und KI-Exponate beim Jubiläumsevent der Fakultät WIAI
Robotik, Künstliche Intelligenz und vieles mehr: Beim Jubiläumsevent am 26. Juni 2026 wird Informatik zum Anfassen. Foto: Tim Kipphan / Universität Bamberg

Was aus den 125 vom Anfang geworden ist und was aus den über dreißig Lehrstühlen noch wird, lässt sich am 26. Juni 2026 ab 16 Uhr am Erba-Campus erleben und nachfragen: wenn Erstis zum ersten Mal coden, wenn die Wirtschaftsinformatik-Studis der Anfangsjahre erzählen, womit sie heute ihr Geld verdienen, und wenn sich zeigt, was eigentlich ein Hund mit Informatik zu tun hat.

25 Jahre WIAI im uni.blog

24 von 25 Geschichten

Weiterlesen

Wer nie in Kontakt kommt
#24 · 24. Jun 2026
Wer nie in Kontakt kommt
2004 wurde Ute Schmid die erste Professorin der WIAI. Aus dieser einen Berufung ist eine Förderkette geworden, die bis in die Vorschule reicht.
Du liest gerade
#23 · 22. Jun 2026
Die nicht-technische Seite
Aus zwei besetzten Lehrstühlen sind in 25 Jahren über dreißig geworden. Ein Streifzug in Schlaglichtern – von der Treppe im ersten Gebäude über einen Anruf aus München bis zu einer KI, die nach Werten fragt.
Etwas™ Freizeit
#22 · 21. Jun 2026
Etwas™ Freizeit
Die Fachschaft WIAI feiert, lehrt und organisiert – und sitzt in den Gremien, in denen über die Fakultät entschieden wird. Das meiste davon sieht man nie.
Was im Titel steht
#21 · 17. Jun 2026
Was im Titel steht
Gestern hielten zwei neue Professoren ihre Antrittsvorlesung. Liest man die Titel aus 25 Jahren der Reihe nach, ergeben sie einen Seismografen des Fachs.
Noch keine Traditionen
#20 · 16. Jun 2026
Noch keine Traditionen
The Deans' List zeichnet durchgehend starke Studierende aus – die Fakultät ist gespannt, was aus dem ersten Jahrgang wird.
Wem der Raum gehört
#19 · 12. Jun 2026
Wem der Raum gehört
Die Möbel in WE5/02.008 hat nicht die Verwaltung ausgesucht, sondern die Studierenden. Der neue Study Space ist der erste Lernraum der WIAI, der seinen Nutzerinnen und Nutzern gehört.
Die sechste Fakultät
#18 · 11. Jun 2026
Die sechste Fakultät
Ein Hochglanzflyer aus dem Wintersemester 2003/04 zeigt, wie sich die junge WIAI der Welt präsentierte – und bringt die Bildersuche von Google gehörig durcheinander.
Was ein Sprachmodell vom Fußball versteht
#17 · 9. Jun 2026
Was ein Sprachmodell vom Fußball versteht
Wo eine KI beim Tippen wirklich etwas weiß und wo sie nur rät
Roboter mit und ohne Gesicht
#16 · 6. Jun 2026
Roboter mit und ohne Gesicht
An der WIAI stand jahrelang ein niedlicher Service-Roboter mit großen Augen; die Roboter, an denen heute geforscht wird, kommen ohne Gesicht aus.
Die Macht in der Pappschachtel
#15 · 1. Jun 2026
Die Macht in der Pappschachtel
Sechzehn Stempel in einer Pappschachtel im Dekanat erzählen von 25 Jahren Fakultätsleitung – und von der einzigen hard power, die ein Dekan wirklich hat.
Projekte, die das Fest überdauern
#14 · 28. May 2026
Projekte, die das Fest überdauern
Projektmesse, OpenLabNight, Gamification EXPO: Projekte bauen und öffentlich zeigen gehört zur WIAI und mündet ins Jubiläum.
Zehn Karrieretage
#13 · 25. May 2026
Zehn Karrieretage
Zum zehnten Mal Karrieretag — und wer am Stand steht, hat oft selbst hier studiert
Eine einfache Regel
#12 · 20. May 2026
Eine einfache Regel
Was schon eine einzige Vorschrift hervorbringen kann
Die zweite Sprache
#11 · 15. May 2026
Die zweite Sprache
Achtzehn Akronyme, in denen die Uni denkt
Auch in Rankings herausragend
#10 · 8. May 2026
Auch in Rankings herausragend
Im CHE-Ranking 2026 in 11 von 12 Dimensionen in der Spitzengruppe
Gab's das 2001 schon?
#09 · 13. Mar 2026
Gab's das 2001 schon?
12 Begriffe, 12 Mal raten
Vier Stunden für ein Zeichen
#08 · 6. Mar 2026
Vier Stunden für ein Zeichen
Wie sich das erste Semester Programmieren anfühlt
Anmeldefrist verpasst
#07 · 27. Feb 2026
Anmeldefrist verpasst
FlexNow: vom Lehrstuhlprojekt zur Genossenschaft
Erkennst du den Studiengang?
#06 · 20. Feb 2026
Erkennst du den Studiengang?
63 Abschlussarbeiten, eine Fakultät
Was machen die eigentlich?
#05 · 13. Feb 2026
Was machen die eigentlich?
Was WIAI-Studierende neben dem Studium machen
Mit welchem Spiel wurde ein Team der Uni Bamberg KI-Weltmeister?
#04 · 6. Feb 2026
Mit welchem Spiel wurde ein Team der Uni Bamberg KI-Weltmeister?
Drei Spiele, eine richtige Antwort
CitH: Informatik im Master – ohne Informatik im Bachelor
#03 · 30. Jan 2026
CitH: Informatik im Master – ohne Informatik im Bachelor
Der Seiteneinstieg für Geisteswissenschaftler
WIAI in Zahlen (2025)
#02 · 23. Jan 2026
WIAI in Zahlen (2025)
Was 2025 im Dekanat passiert ist
Die WIAI geht online
#01 · 16. Jan 2026
Die WIAI geht online
Am 1. Oktober 2001 startet die Fakultät.

AM 26. JUNI DABEI SEIN

26. Juni 2026 · ERBA-Campus, An der Weberei 5, Bamberg
Festakt ab 14 Uhr · öffentliches Event ab 16 Uhr · Eintritt frei

ZUM KALENDER HINZUFÜGEN