
Die nicht-technische Seite
Der Erba-Campus, wo die WIAI am 26. Juni 2026 ihr 25-jähriges Bestehen feiert. Foto: Jürgen Schabel / Universität Bamberg
Am 1. Oktober 2001 war die Fakultät zwei besetzte Lehrstühle groß. Den einen hatte Elmar J. Sinz inne, Systementwicklung und Datenbankanwendung, den anderen Otto K. Ferstl, Industrielle Anwendungssysteme. Dazu drei Studiengänge und 125 eingeschriebene Studierende. Hervorgegangen war die WIAI aus der Fakultät Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, wo die Professoren Augsburger, Sinz, Ferstl und Henrich seit 1987 einen Diplomstudiengang Wirtschaftsinformatik aufgebaut hatten; Bamberg galt da längst als „Heimat der Wirtschaftsinformatik“. Ihren Start nannten die Gründer „Stunde 0“. Was sie erbten, war keine leere Fläche, sondern eine Haltung: Informatik hier nicht als reine Technik zu betreiben, sondern an die Fächer ringsum anzuschließen.
Sinz, der Gründungsdekan, hat das später nüchtern begründet. Einen Fokus auf die nicht-technische Seite der Informatik zu legen, passte zur geistes- und kulturwissenschaftlichen Ausrichtung der Universität und sollte zugleich ein Alleinstellungsmerkmal des Standorts sein. Querschnittlich hieß konkret: Zusammenarbeit mit den Wirtschaftswissenschaften, der Soziologie, der Psychologie, der Kommunikationswissenschaft, der Denkmalpflege. Aus dieser frühen Rolle in den Digital Humanities, der Informatik für geistes- und kulturwissenschaftliche Fragen, wuchs 2010 der Master Computing in the Humanities, im deutschsprachigen Raum bis heute ohne Gegenstück.
Wer früh dabei war, hat den Gedanken am eigenen Studium erlebt. Jörg Gottschlich schrieb sich 2002 ein, einer der ersten. Geblieben ist ihm weniger ein Hörsaal als eine Treppe: „Ich sehe uns noch heute auf der großen Treppe im Gebäude Feldkirchenstraße 21 stehen und lachen, weil der eine den Dialekt des anderen nicht verstanden hat.“ Tobi aus Tirschenreuth, Nils aus Lübeck, am Orientierungstag kennengelernt und bis heute befreundet. Fachlich war ihm das betriebswirtschaftliche Grundstudium, das Modellieren bei Sinz, zunächst fremd; heute, als selbstständiger Unternehmer, sieht er den Gewinn. Froh war er trotzdem, als es nach dem Vordiplom technischer wurde und er bei Guido Wirtz programmieren lernte. Beides gehörte zusammen. „Und ich muss auch sagen, dass es mir persönlich schon wichtig war, dass wir eine eigene Fakultät waren. Damit habe ich mich sehr identifiziert.“
Wirtz selbst kam 2002 aus Münster, an einen Standort mit gerade vier besetzten Professuren. „Ein nicht zu unterschätzendes Risiko, aber auch eine große Chance“, nennt er den Wechsel im Rückblick. Gelockt hat ihn die Arbeitsweise: dass die enge Zusammenarbeit der Fächer hier gewollt war und Wert auf Kreativität und Engagement beim gemeinsamen Aufbau gelegt wurde. Zweimal wurde er Dekan, fast ein Jahrzehnt war er Vizepräsident für Technologie und Innovation. Den späteren KI-Ausbau nannte er deshalb einen „glücklichen, aber auch logischen Schritt“ einer Fakultät, die international weiter an Profil gewinnt.
Für den KI-Standort Bamberg hatte sich jemand über Jahre starkgemacht. Ute Schmid, seit 2004 in Bamberg, forscht seit den frühen Neunzigern an Künstlicher Intelligenz und kognitiven Systemen, lange bevor KI öffentlich zum Thema wurde. Als das bayerische Wissenschaftsministerium 2018 im Rahmen der Hightech Agenda Bayern 50 neue KI-Professuren ausschrieb, saß sie in dem Team, das Bamberg ins Rennen schickte, und nutzte jede Gelegenheit, in Vorträgen und Interviews daran zu erinnern, dass hier seit Jahren KI gelehrt und erforscht werde. „Die Zeit ab 2018 fand ich sehr anstrengend“, sagt sie.
Die Entscheidung fiel im Mai 2020, mitten im ersten Corona-Jahr, an einem Freitagnachmittag. Schmid hatte mündliche Prüfungen und vergessen, ihr Telefon umzuleiten; mitten im Prüfungsgespräch klingelte es, eine Münchner Nummer. Sie entschuldigte sich bei dem Studenten und nahm ab. Am Apparat das Ministerium: Bamberg habe mit sieben Professuren mit Abstand die meisten gewonnen, ein Siebtel aller 50 Stellen. Es entstanden Lehrstühle unter anderem für KI und Sprache, für Computer Vision und Machine Learning, für KI-Engineering und Robotik. Binnen fünf Jahren wuchs die Fakultät von 16 auf 33 Professuren.

Wohin der alte Gedanke führt, zeigt der Lehrstuhl, den Christoph Benzmüller 2021 von der FU Berlin übernahm. Aufgefallen war ihm die Struktur des Zentrums für Innovative Anwendungen der Informatik und die Aussicht, mit seiner computationalen Philosophie, dem logikbasierten Modellieren und Argumentieren am Computer, eine Schnittstelle zur Philosophie aufzubauen, dort, wo er eine Lücke in der interdisziplinären Zusammenarbeit sah. Mit Christian Illies und Silvia Jonas aus der Philosophie fragt er nun, ob und wie sich Regelwerke und Wertesysteme in Computersystemen abbilden lassen, um KI-Agenten zu steuern und zu kontrollieren. Ein verantwortungsvoller, menschenzentrierter Einsatz von KI lasse sich nur aus einer holistischen Perspektive beantworten, sagt er, und dafür sei Bamberg strukturell gut aufgestellt. Knapp ein Vierteljahrhundert nach der „Stunde 0“ ist die nicht-technische Seite der Informatik zur Forschungsfrage geworden.

Was aus den 125 vom Anfang geworden ist und was aus den über dreißig Lehrstühlen noch wird, lässt sich am 26. Juni 2026 ab 16 Uhr am Erba-Campus erleben und nachfragen: wenn Erstis zum ersten Mal coden, wenn die Wirtschaftsinformatik-Studis der Anfangsjahre erzählen, womit sie heute ihr Geld verdienen, und wenn sich zeigt, was eigentlich ein Hund mit Informatik zu tun hat.
























