
Was im Titel steht
Gestern Abend hielten im Hörsaal WE5/00.022 zwei frisch berufene Professoren ihre Antrittsvorlesung: Markus Rickert sprach unter dem Titel „Move Left – No, the Other Left! Toward Natural Human-Robot Interaction Through Multimodal Intelligence“, Matthias Galster über „Evidence-driven Software Development“. Eine Antrittsvorlesung ist der Abend, an dem man sich, neu berufen, der Öffentlichkeit vorstellt und erklärt, womit man sich künftig beschäftigen will. Verdichtet ist das alles in einer einzigen Titelzeile. In 25 Jahren sind an der WIAI ein paar Dutzend solcher Zeilen zusammengekommen. Liest man sie der Reihe nach, ergeben sie eine Art Seismografen des Fachs.
Am Anfang klingen sie nach den frühen 2000ern. Guido Wirtz nannte seine Vorlesung 2004 schlicht „Dienstlandschaften“, Christoph Schlieder etwa zur selben Zeit „Rückkehr der Ontologie“. Udo Krieger trug 2005 einen Titel vor, den man kaum in einem Atemzug aussprechen kann: „Verkehrstheorie, die Grundlage des Netzentwurfes und Verkehrsmanagements in Kommunikationsnetzen“. Im selben Jahr sprach Ute Schmid über „Analoges Schließen bei Mensch und Machine – Es gibt nichts Neues unter der Sonne“. Dienste, Ontologien, Netze: das Vokabular einer Disziplin, die gerade das Web verarbeitete.
Ein Titel ist auch ein kleines Selbstporträt. Manche bleiben nüchtern, etwa Kai Fischbachs „Netzwerkanalyse und Netzwerktheorie: Knoten, Kanten und Strukturen“ von 2015 oder eben Galsters „Evidence-driven Software Development“ von gestern. Andere sind ein Witz, den man nur von innen versteht. Maximilian Schüle nannte seine Vorlesung 2024 „Über den blauen Elefanten im Raum“ – der blaue Elefant ist das Maskottchen der Datenbank PostgreSQL, und Schüle forscht an Datenbanksystemen. Rickerts „Move Left – No, the Other Left!“ ist eine Regieanweisung an einen Roboter, der eben noch nicht weiß, wo links ist. Und gelegentlich leiht sich jemand eine Zeile aus dem Kino: „Denn Sie wissen nicht, was sie tun“ stand 2018 über einer Vorlesung zum Datenschutz.
In den letzten Jahren taucht ein Wort immer wieder auf. 2023 hielten Christoph Benzmüller, Christian Ledig und Stefan Ultes eine gemeinsame Vorlesung über „Künstliche Intelligenz für den Menschen“, 2025 fragte Roman Klinger „Can Computers Read Between the Lines?“, Milad Mirbabaie sprach über den „Responsibility Gap in Human-AI Collaboration“. Neu ist die Skepsis darin nicht. Schon 2015 fragte Diedrich Wolter nach den „neuen Kleidern für künstliche Intelligenz“, und Tim Weitzel hatte seine Vorlesung Jahre zuvor um die Frage gebaut, ob wir Informationstechnologien überhaupt brauchen. Die KI ist in den Titeln angekommen, die Fragezeichen waren schon vorher da.
Eine durchgehende Linie ergeben die Zeilen nicht. Sie wechseln zwischen Deutsch und Englisch, zwischen Aussage und Frage, zwischen Ernst und Understatement, ohne dass sich daraus ein Programm der Fakultät ablesen ließe. Womöglich ist das kein Mangel. Eine Fakultät, die 25 Jahre alt wird, hat in diesen Titeln keinen Gründungsmythos liegen, sondern ein paar Dutzend erste Sätze, jeder einmal gesprochen, jeder der Beginn von etwas, das damals noch offen war. Gestern sind zwei dazugekommen.





















