
Wer nie in Kontakt kommt
Fotos: Judith Simon (Titelbild), Stephanie Fröba (Informatiktag), Universität Bamberg
Eine Berufungsurkunde ist ein nüchternes Dokument: Unterschrift, Siegel, die Amtssprache des Staates. Wer sie bekommt, hat Studium, Promotion und Habilitation hinter sich, dazu meist eine Reihe befristeter Stellen und Ortswechsel; sie verkündet das Ende dieser Wanderjahre, das Beamtenverhältnis auf Lebenszeit. Die Urkunde, die Ute Schmid 2004 erhielt, war an der Fakultät für Wirtschaftsinformatik und Angewandte Informatik (WIAI) in einer Hinsicht die erste ihrer Art. Alle, die bis dahin an der Fakultät berufen worden waren, waren Männer. Schmid war die erste Professorin.
Daran hat sich seither etwas geändert, aber nicht genug, um es zu übergehen: Heute halten fünf Frauen eine Professur an der WIAI, Parität ist das nicht. Verändert hat sich vor allem, was um diese Stellen herum entstanden ist. Schmid wurde noch im selben Jahr zur Gleichstellungsbeauftragten in der Wissenschaft ernannt, ein Amt, das jede Fakultät besetzt und das gesetzlich auf die „Vermeidung von Nachteilen für Wissenschaftlerinnen, Künstlerinnen, weibliche Lehrpersonen und Studierende“ zu achten hat. Sie hat es, unterbrochen nur von zwei Jahren als Dekanin, bis heute inne.
Aus dem Amt wurden Angebote. 2005 holte Schmid das Programm „MuT – Mädchen und Technik“ an die Fakultät, seit 2006 beteiligt sich die WIAI am Girls’ Day. Beide folgen einem einfachen Gedanken: Wer nie mit Informatik in Berührung kommt, wird sich kaum vorstellen, dass sie etwas für einen sein könnte. In den Workshops programmieren Schülerinnen Spiele und Roboter, führen Dialoge mit großen Sprachmodellen, sehen sich die Algorithmen hinter Sudoku an oder bauen Animationen – abseits der Klischees darüber, für wen Informatik angeblich ist.

Aus der Mädchenförderung wuchs mit der Zeit eine Nachwuchsförderung für alle, die früh ansetzt, lange vor der Studienwahl. Die Forschungsstelle Elementarinformatik (FELI) und das MINTmobil, ein fahrbares Mitmach-Labor, bringen schon Vorschul- und Grundschulkindern Technik und Programmieren spielerisch nahe. Im Schülerforschungszentrum, das die Fakultät im Rahmen der TechnologieAllianzOberfranken betreibt, einem Verbund der oberfränkischen Hochschulen, können Jugendliche eigene Projekte verfolgen; dazu kommen ein Mentoringprogramm und, einmal im Jahr, der Bamberger Informatiktag, an dem Schulklassen ausprobieren, was das Fach zu bieten hat.
Was nach außen sichtbar ist, hat ein Gegenstück innerhalb der Fakultät. Für Studentinnen und Wissenschaftlerinnen gibt es eigene Förderangebote, von Exkursionen in die Praxis bis zur Begleitung auf dem akademischen Weg. Der Frauenanteil unter den Studierenden liegt bei rund einem Drittel; bundesweit kommt die Informatik auf knapp ein Viertel.

Getragen wird das längst nicht mehr von einer Person. Neben Schmid sind mit Daniela Nicklas, Isolde Adler und Sophie Jörg weitere Professorinnen der Fakultät als stellvertretende Gleichstellungsbeauftragte aktiv; Janine Hacker, seit Februar 2026 an der WIAI, ist ebenfalls in die Nachwuchsarbeit eingebunden. Den laufenden Betrieb organisieren die Gleichstellungsbeauftragten der Fakultät, bei denen sich auch die einzelnen Angebote finden lassen.

Zweimal ist diese Arbeit von außen ausgezeichnet worden. 2018 ging der Minerva Informatics Equality Award an die Fakultät, eine europaweite Auszeichnung von Informatics Europe für die Förderung von Frauen in der Informatik; die WIAI war die erste Fakultät im deutschsprachigen Raum, die ihn bekam. 2024 folgte der Gleichstellungs- und Diversitätspreis des Fakultätentags Informatik.
Beide Preise gingen an die Fakultät. Schmid selbst erhält in diesem Sommer den Communicator-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die wichtigste deutsche Auszeichnung für Wissenschaftskommunikation, für ihre Arbeit, künstliche Intelligenz für ein breites Publikum verständlich zu machen. Die Verleihung ist am 29. Juni in Bonn, drei Tage nach dem Festakt, mit dem die WIAI ihren 25. Geburtstag feiert.
























